Ich bin also stehen (oder eher sitzen) geblieben, zusammen mit Torsten im Boot bei der Überfahrt. So im Nachhinein hätten wir dem Fährmann mal eine Münze geben sollen für die Überfahrt.
Nach der Überfahrt steigen wir zitternd vor Kälte wieder aus dem Boot. Wir sind uns beide sehr schnell einig: Wir müssen laufen, um wieder warm zu werden. Ich laufe mit meinen Hokas an und habe das Gefühl ich würde fliegen. Ein irres Gefühl nach so „harten“ Trailschuhen . Meine Geschwindigkeit erhöht sich merklich. Das merke ich auch an den Atemgeräuschen von Torsten. Ich versuche langsamer zu laufen. Nach etwa 2-3 Kilometern kommt sowieso wieder der erste Aufstieg in den Wald. Also schlendern wir mal wieder den Berg hinauf und merken immer wieder wie viel in den Wäldern um uns herum so los ist. Dann wieder ein paar richtig tolle Trails.
Ein Aussichtspunkt wird auf dem Track angezeigt, wir beschließen aber ihn wegzulassen. Wir sehen in der Dunkelheit eh nichts. Dann laufen wir in den Ort, mit der netten Bäckerei vom letzten Jahr. Dort treffen wir mal wieder auf einen Teilnehmer, der Hilfe bei der Wegfindung benötigt. Wir bleiben ab jetzt dann zusammen bis kurz vor Pielenhofen. Dort werden die Trails dann mal wieder richtig steil und die Müdigkeit bei Torsten und mir ist sehr groß. Also etwas langsamer damit man nicht auf die Nase fällt.
Bei mir macht sich das erste Mal die Fußsohlen Sehnenplatte bemerkbar, aber was tut nach 17 Stunden auf den Beinen nicht irgendwann mal weh. Torsten hat auch seine Problemchen. Aber wir kommen guten Mutes im Kloster Pielenhofen an. Das war letztes Jahr schon sehr schön dort und so ist es auch in diesem Jahr. Ein Team aus Helfern steht uns sofort zur Seite. Sogar der Wirt erinnert sich noch an mich. Ist das gut oder schlecht, überlege ich jetzt noch. Von mir wird ein Foto geschossen, wie ich mit dem Kopf auf dem Tisch liege. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich das gemacht habe. Meinen Füßen zuliebe laufe ich während der Pause nur in Socken rum. Ich merke meine Sehne sehr deutlich. Da ich noch ein bisschen mehr Pause, lasse ich Torsten ziehen. Wir verabreden, dass ich ihn eh wieder einhole. Leider sollte das später nicht der Fall sein.
Nachdem ich mich wieder angezogen habe und alles Gepäck aufgefüllt habe, geht es weiter. Die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Das einzige, was mir Sorgen macht, ist mein rechter Fuß. Ich kann nur schwer anlaufen. So komme ich die nächsten Berge nur noch sehr langsam mit zunehmenden Schmerzen hinauf. Auf geraden Strecken kann ich wenn ich den Fuß anders aufsetze noch laufen. Bergab geht super, ich laufe ja Vorfuß, aber es gibt nicht viel Bergab. Schließlich setze ich mich gegenüber dem Ort Duggendorf auf eine Bank und überlege, was ich machen soll. Schuh aus und Socken runter von der Fußsohle verringert den Schmerz nur unmerklich.
Meine Überlegungen:
Der nächste Wechselschuh ist von hier aus 30 Kilometer entfernt. Bei dem Tempo ca. 6 Stunden. Wenn ich ihn erreiche brauche ich ihn vermutlich nicht mehr weil der Fuß dann im Eimer ist. So schaffe ich keine 120 Kilometer mehr. Der nächste Wettkampf (Hexenstieg-Ultra) ist in zwei Wochen und darauf irgendwie auch alle zwei Wochen ein Ultra. Ich war auch schon letztes Jahr hier und bin einmal rum (um den Jurasteig).Vernünftig sein und aufhören oder weiter? Dann kommen drei Teilnehmer, wir beraten uns. Jeder kennt solche Probleme. Ich berichte von meinen Überlegungen und kann mich kaum entscheiden. Als die Drei weiter wieder aufbrechen, schau ich mich noch mal um: Unter mir ein Dorf und gegenüber ein Dorf mit einer Brücke über den Fluss. Ein guter Punkt um auch abgeholt werden zu können.
Dann treffe ich den Entschluss: ABBRUCH! Mein erster DNF in diesem Jahr. Ich rufe meine Freundin und meine Eltern an. Danach melde ich mich bei Margot, um es offiziell zu machen. Ich überlege mit Margot zusammen, wie ich am besten von hier wegkomme. Nach meiner Schätzung dürfte ich nur knappe 5 km mit dem Auto von Pielenhofen dem letzten VP entfernt sein. Also ruft erst Margot dort die Helfer an, dann ich und wir verabreden einen Treffpunkt am Fluss zur Evakuierung.
Knappe 20 Minuten später werde ich abgeholt und zurück nach Pielenhofen gefahren. Dort sitzen noch zwei Teilnehmer, die abgebrochen haben. Wir bemitleiden und noch ein bisschen gegenseitig und lassen uns ein Taxi bestellen.
Das Taxi kommt extra für uns aus Regensburg. Denn ein Taxiunternehmen in der Gegend gibt es nicht. Das macht einen Preisvorschlag von 80€. Okay, eine andere Möglichkeit gibt es in der Gegend nicht, außer Laufen oder vielleicht mit einem Schlauchboot nach Hause schippern.
Das Taxi kommt und sammelt uns drei, vermutlich furchtbar riechende, Gestalten ein. Der Taxifahrer will dann 105€, aber was sollen wir machen. Es geht ja nicht anders. Nach 30 Minuten Schlaf im Taxi sind wir zurück in Dietfurth. Margot nimmt uns in der Turnhalle in Empfang und kümmert sich um uns. Wir sind nicht alleine. Zu dem Zeitpunkt sind einige andere bereits ausgestiegen und sitzen dort; teilweise sogar schon geduscht und umgezogen. Es macht die Runde, dass gerade sehr viele Teilnehmer aufhören. Ich beschließe zum Gasthaus zu humpeln, um endlich zu duschen und zu schlafen. Dort angekommen bekomme ich sofort ein Bett und ich kann raus aus meinen Sachen und nach dem Duschen falle ich in einen tiefen Schlaf.
Nach zwei Stunden, schleppe ich mich zurück zur Turnhalle. Dort sind jetzt weitere Teilnehmer eingetroffen. Wir fachsimpeln, wie viele und wann wohl die ersten im Ziel ankommen. Die Zeit des Wartens ist angebrochen. Ich telefoniere noch viel mit meiner Familie und mit Inge. Zu Hause werden schon Pläne geschmiedet, mich abzuholen. Das kann ich aber noch abwenden, bin ja nicht um die Ecke und es ist ja auch nicht so, dass ich ausgeflogen werden muss. 
Am Abend ist dann auch Tom da, er hatte auch abbrechen müssen. So essen wir zusammen beim Stirzer Nudeln und legen uns schlafen. Morgens kann ich dann auf Facebook dank der Posts von Michael Frenz, nicht nur seiner Strecke zusehen, sondern auch seinem körperlichen Verfall
Der erste Teilnehmer läuft nach 39 Stunden und 57 Minuten ein. Jin Cao aus Norwegen, eine Leistung, die denke ich die nächsten Jahre wohl kaum zu schlagen ist. Stunden später kommen dann im Abstand von mehreren Stunden die anderen Läufer. Michael Frenz ist nach 44 Stunden da und Gerhard Börner außerhalb der Wertung nach 47 Stunden. Genau pünktlich um die Siegerehrung vorzunehmen (sogar noch mit Laufschuhen an den Füßen).
Hinterher gibt es noch Abendbrot und dann geht es gut gesättigt aufs Zimmer. Ich kümmere mich noch ein bisschen um Michael, der natürlich sehr angeschlagen ist nach der langen Zeit, die er unterwegs war. Im Laufe des Abends kommt dann auch Peter an. Der war ja am Freitag um 9 Uhr schon gestartet und ist gewandert. Er ist ziemlich genau 18 Stunden nach Michael angekommen. Das macht ungefähr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,3 km/h. Am nächsten Morgen geht es dann wieder zurück. Michael und ich fahren zusammen bis nach Hildesheim.
Was für ein Wochenende…. mal wieder am Jurasteig! Ein absolutes Erlebnis. Ein sehr schöner Ultra-Trail, mit einer tollen Orga und super netten Teilnehmer.
…. und noch mal zum Schluss ohne euch Helfer könnten wir so was nicht machen….
Also noch mal ein großes DANKE!