24. August 2010
von Tobias Sauter
Enttäuschung in Barcelona
Es ist kurz vor 12 Uhr am 1. August 2010. Ich hatte mir so viel vorgenommen für den heutigen Tag. Jetzt ist alles vorbei, es geht nichts mehr. Teamarzt Dr. Nieß kann es nicht mehr verantworten, mich weiterlaufen zu lassen, bleich und dem Kollaps nahe. Ich kann meine Tränen kaum zurückhalten.
Die EM in Barcelona war mein zweiter großer Traum nach der WM in Berlin, wo ich mich mit abgerissener Sehne und Bandscheibenvorfall ins Ziel schleppte. Diesmal sollte alles besser laufen. Das Training lief gut, ich fühlte mich bereit. Am Donnerstag flogen wir Marathonis von Berlin über München nach Barcelona, elf Stunden waren wir unterwegs. Aber es blieben ja noch zwei Tage zur Akklimatisierung an die Hitze und Schwüle, die wir leider die Tage zuvor in Berlin nicht hatten. Ich würde jetzt gerne etwas dazu sagen, in Sachen Anreise usw., aber ich möchte nicht, dass es so rüberkommt, dass ich jetzt nur nach Ausreden suchen würde. Die Enttäuschung von mir selbst ist dafür zu groß. Anspannung, Freude und Hoffnung auf ein gutes Rennen kamen am Samstag auf. Teilweise mit Freudentränen. Dieses Event ist einfach genial, vor allem wenn ich überlege, dass ich vor ein paar Jahren davon nicht einmal geträumt hätte, als Hobbyläufer, der mit 3:16 eingestiegen ist und nie irgendwie in einem Verein war. Es war ein Traum und ich freute mich unglaublich, für mein Land starten zu dürfen, das zweite Mal. Und diesmal würde es besser laufen. Schließlich hat ja in der Vorbereitung alles gut geklappt. Der Startschuss fiel und es ging los. Bereits nach zwei Kilometern merkte ich, wie die Hitze und die schwüle Luft mich gar nicht so locker laufen ließen, wie ich es mir erhofft hatte. Es war unglaublich. Ich beschloss bei einer kleineren Gruppe mitzulaufen. Leider zerschlug sich diese recht schnell. Die Kilometerzeiten waren unterirdisch. Ich versuchte mir einzureden, ruhig zu bleiben und mich darauf zu konzentrieren, langsam das Tempo zu steigern. Bei Kilometer 15 bemerkte ich, dass ich nahezu nichts von meinen Getränken hinunter bekam, zwei oder drei Schlucke und das Seitenstechen setzte ein. Der Halbmarathon war geschafft, es ging mir kurzzeitig besser und ich bekam Hoffnung. Bei Kilometer 25 war plötzlich wieder alles anders, mein Körper wollte nicht mehr, ich musste mich konzentrieren, um nicht gehen zu müssen. Ich wollte kämpfen, noch 17 Kilometer. Bei Kilometer 30 blieb ich stehen, um zu trinken. Der Mannschaftsarzt sah wie meine Situation aussah. Ich wollte weiterlaufen, er versuchte mich davon abzuhalten. Ich weiß nicht ob ich in diesem Augenblick noch 100%-ig bei Sinnen war. Aber ich wollte unbedingt weiterlaufen. Es war das Ende, aus, vorbei bei Kilometer 30. Ich wollte nur noch aus diesem Alptraum aufwachen, es war leider keiner. Die Enttäuschung war und ist riesengroß. Ich werde wohl noch ein paar Tage brauchen, um neue Kraft zu sammeln und das Ganze zu verkraften. Ich werde jetzt versuchen, mich darauf zu besinnen, warum ich das Alles mache. Und es ist einfach, weil ich das Laufen liebe, ich mache den Sport für mich, ich konnte Träume realisieren, die mir nie jemand zugetraut hatte. Genauso wie es jetzt auch ist. Was interessieren mich die sogenannten „Expertenmeinungen“, die mich nicht kennen oder jemals unterstützt haben? Meine Träume begrabe ich, wann ICH das will, und soweit ist es noch lange nicht. Never give up your dreams! Es sind doch meine Träume, oder nicht?